VW oder
Mercedes ? Auch beim Hüftgelenksersatz gibt es große Qualitätsuntesrschiede
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von Jochen Kubitschek
Als Ilona Petersen * (der Namen der Patientin wurde von der Redaktion
aus Datenschutzgründen verändert), heute 41, im Jahr 1990
endlich einkünstliches Hüftgelenk eingesetzt erhielt, da atmete
die damals 38jährige Hausfrau erleichtert auf: „Ich hoffte, daß
die ständigenSchmerzen jetzt ein für alle Mal vorbei sein würden“,
meinte die aufgrund ihres angeborenen Hüftleidens schon frühzeitig
invalidisierte Hausfrau. Doch die optimistischen Erwartungen erwiesen
sich als trügerisch. Bereits nach wenigen Jahren konnte sich Ilona
Petersen wieder nur an Krücken fortbewegen. In der Ambulanz der
Orthopädischen Universitätsklinik Leipzig wurde die Ursache der
starken Schmerzen schnell lokalisiert: die einzementierte Spezialprothese
hatte sichgelockert.
Durch die
wackeligen Metallteile wurde aber das von Geburt anmißgestaltete
Hüftgelenk bei jedem Schritt zusätzlich weiter belastet. „Die kurze
Lebensdauer der einzementierten Prothese hat mich nicht weiter überrascht,
da man bei Verwendung von Knochenzement immer mit einem Volumenverlust
rechnen muß“, meinte hierzu Dr. Martin Schönert, der als Oberarzt
in der Orthopädischen Klinik bereits etwa 500 sogenannte Total-Endoprothesen
des Hüftgelenks - im Ärztejagon kurz TEP genannt - implantiert hat.
Die Röntgenaufnahmen
des Hüftgelenks bestätigten die schlimmsten Befürchtungen: das durch
die angeborene Hüftverrenkung und zwei vorausgegangene Operationen
schwer geschädigte Hüftgelenk würde sich durch die herkömmlichen
Hüftprothesen - wenn überhaupt - nur unbefriedigend versorgen
lassen. Dr. Schönert: “Bei der Implantation einer zweiten zementierten
Endoprothese hätten wir zum Ausgleich der anatomisch ungünstigen
Form der Knochenmarkhöhle wahrscheinlich viel Knochenzement als
Füllmaterial verwenden müssen. Durch die zu erwartende Materialschrumpfung
wäre die abermalige Prothesenlockerung vorprogrammiert gewesen.
Außerdem entsteht bei der Polymerisation des Zements viel Wärme.
Wir gehen davon aus, daß das umgebende Knochengewebe bei dieser
Reaktion geschädigt wird - wir sprechen von einer
Hitzenekrose. Schließlich lockert sich im Lauf der kommenden Jahre
der feste Verbund zwischen dem Metall der Prothese, dem Knochenzement
und der Wand der Markhöhle. Dieser Gefahr kann man eine so junge
Patientin aber nicht aussetzen“ . Und die Implantation einer zementfreien
Standardprothese verbot sich
auch von selbst: die anatomischen Verhältnisse waren aufgrund der
Voroperationen einfach zu ungünstig.
Als sich
Dr. Schönert aufgrund der starken Schmerzen seiner Patientin trotzdem
für die Implantation eines zweiten künstlichen Hüftgelenks entschied,
konnten die medizinisch-anatomischen Voraussetzungen kaum ungünstiger
sein: „Bis vor kurzem hätte mich die Aussicht auf eine derart komplizierte
und schlecht vorausplanbare Operation doch nervös gemacht“, räumte
der erfahrene Chirurg ein - doch seit einigen Monaten löst
die Aussicht auf eine derartige chirurgische und handwerkliche Herausforderungen
bei ihm paradoxerweise eher eine gewisse Vorfreude aus. Mit
Hilfe eines neuen Operationsverfahrens sind die LeipzigerOrthopäden
jetzt nämlich in der Lage, während der eigentlichen Operation eine
paßgenaue Individualprothese anzufertigen.Mit Hilfe des von der
Firma DePuy Orthopädie GmbH - einer Tochterfirma des Pharmaunternehmens
Boehringer Mannheim - vertriebenen IDENTIFIT-Verfahren können selbst
ungewöhnliche anatomische Veränderungen ohne Zeitverlust -
sozusagen on line - nahezu perfekt ausgeglichen werden.
Natürlich
ist die Idee nicht neu, die zu implantierende Hüftprothese individuell
an den jeweiligen Patienten anzupassen - und nicht wie bisher üblich,
den Markkanal des Oberschenkelknochens an eine der zahllosen aus
Titan oder Spezialstahl hergestellten Fertigprothesen, die von der
Stange“ geordert werden können. In der Vergangenheit wurden
derartige Individualprothesen allerdings mit Hilfe von sehr detaillierten
computergesteuerten Röntgenaufnahmen vor der geplanten Operation
bestellt und von der jeweiligen Firma mit EDV-Unterstützung angefertigt.
Bekannt wurde vor einigen Jahren eine Individualprothese, die Dr.
Günther H. Aldinger, Chefarzt der Orthopädischen Klinik Paulinenhilfe
Stuttgart, nach beinahe zehnjährigen Entwicklungszeit 1990 auf den
Markt brachte. Doch diese aufwendige und teure Methode
- alleine die Prothese schlug bei der Markteinführung mit 6.000
Mark zu Buche - hat neben dem hohen Preis noch einen weiteren Nachteil:
„Stellen Sie sich vor, daß ein Schneider Ihren Anzug ausschließlich
nach qualitativ hochwertigen, maßstabsgetreuen Fotos zuschneidet
und näht-da gibt es bei der An-probe vermutlich doch ab und an einmal
eine böse Überraschung“, meinte Dr. Schönert.
Trotz sorgfältigster
Vorarbeiten mußten einige Operateure in derVergangenheit ab
und an feststellen, daß sich die angeblichen Maßprothesen nur unter
Schwierigkeiten in die freigelegte Markhöhle einführen ließen.
In derartigen Fällen bleibt dem unter Zeitdruck stehenden Operateur
nur eines übrig: er muß den natürlichen Knochenmarkkanal während
des ohnehin mit einem relativ hohen Blutverlust belasteten Eingriffs
mit Raspel, Bohrer und Meißel an die fertige Individualprothese
anpassen und so stabilisierendes Knochengewebe opfern. „Wer möchte
aber schon über eine gemauerte Brücke fahren, aus der vorher der
Schlußstein herausgenommen wurde“, kommentierte Dr. Schönert die
unvermeidbare Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Derartige
Überraschungen drohen bei dem an der Uni-Leipzig neu eingeführten
IDENTIFIT Verfahren kaum. Hier muß der Patient nämlich nicht an
die bereits fertige Prothese angepaßt werden, sondern die Prothese
wird den anatomischen Verhältnissen des jeweiligen Hüftgelenks angeglichen.
Dies ist möglich, da die IdentifitIndividualprothese erst während
der Operation in einem im Krankenhaushof geparkten mobilen Laborcontainer
- Kostenpunkt etwa 500.000 DM - hergestellt wird. Das technologische
Verfahren erscheint auf den ersten Blick simpel - doch höchste Ansprüche
an Präzision und die Rechenkapazität der verwendeten Computer erwiesen
sich anfänglich als Haupthindernis für die schnelle Verwirklichung
der bestechenden Grundidee. Mittlerweile kann man das Verfahren
aber - unter anderem aufgrund von bahnbrechenden Fortschritten in
der Lasertechnologie und bei der Entwicklung der erforderlichen
Computersoftware - als ausgereift bezeichnen. Weltweit
hat es sich bei mehreren tausend Patienten auch medizinischgut bewährt.
Wie bei jeder
Versorgung mit einem künstlichen Hüftgelenk wird auch beim IDENTIFIT-
Verfahren zuerst der verschlissene Hüftkopf freigelegt und mit einer
Säge unterhalb des Schenkelhalses vom Oberschenkelknochen abgetrennt.
Anschließend wird in die vom Operateur eröffnete Markhöhle des Oberschenkelknochens
vorsichtig eine Art Kunststoffkondom eingeführt. Dieses Plastiksäckchen
wir daraufhin mit Hilfe eines an eine überdimensionale Heimwerker-Spritzpistole
erinnernden Spezialwerkzeugs vorsichtig mit einer schnell aushärtenden
Silikonverbindung gefüllt. Dieses Material paßt sich aufgrund seiner
anfänglichen Elastizität jedem Detail der Struktur der Markhöhle
perfekt an. Dr. Schönert: „Bei diesem revolutionären Verfahren,
das im Übrigen völlig auf die Verwendung von Knochenzement verzichtet,
erreichen wir eine Pressfitpassung zwischen 90 und 100%“. Sobald
der Kunststoff ausgehärtet ist, wird der entstandene naturgetreue
Abguß des Knochenmarkraumes wieder aus dem Knochenhohlraum entfernt
und zur weiteren Verarbeitung in den mobilen Laborcontainer gebracht.
Dort wird er innerhalb weniger Minuten von einem Präzisions-Laserabtaster
in drei Dimensionen auf einen tausendstel Millimeter genau vermessen.
„Auf diese Weise wird ein elektronisches dreidimensionales Drahtgittermodell
erstellt. Aus diesen Daten errechnet der Computer die Maße der später
zu implantierenden Endoprothese“, beschreibt Dipl. Ing. Wolfgang
Langer, DePuy, den technischen Ablauf. Die digitalisierten Präzisionsdaten
werden nach einer ausgefeilten Kontrolle an eine vollautomatische
CNC-Fräseinheit übermittelt, die innerhalb von 8 - 10 Minuten aus
einem eingespannten Titanrohling eine paßgenaue Individualprothese
herstellt. Variable Meßgrößen wie Halslänge des Oberschenkelknochens,
bzw. die Winkelung zwischen Knochen und Knochenhals können am Computer
frei gewählt werden. Dadurch gelingt auch die Anpassung an die ungewöhnlichsten
anatomische Verhältnisse. Nach einem Säurebad und der abschließenden
Sandstrahlung - eine rauhe Oberfläche begünstigt das stabilisierende
Einwachsen von Knochengewebe - wird das Implantat sterilisiert und
steht dem Operateur nach einer Fertigungszeit von nur 35 Minuten
zur Implantation zu Verfügung. "In dieser Wartezeit können
wir in aller Ruhe die verschlissene Gelenkpfanne ersetzen, so daß
wir die Individual-Schaftprothese meist „just-in-time“ in die Hand
gedrückt erhalten“, bestätigt Oberarzt Schöning den zeitlichen Ablauf
einer solchen Implantation.
Da in den
alten Bundesländern künstliche Hüftgelenke seit vielen Jahren selbst
an kleinen Kreiskrankenhäusern ohne lange Wartezeiten implantiert
werden - die Zahl der jährlichen Eingriffe liegt bei etwa
60.000 - sehen die Operateure nur relativ selten Patienten,
die eine Individualprothese benötigen. Eine individuelle Anfertigung
der Oberschenkelkopfprothese ist hier nur bei etwa jedem zehnten
Patienten medizinisch erforderlich. Dr. Schönert: „In anderen Worten
- die meisten Kranken kommen somit ohne Qualitätseinbußen
mit einem VW aus, während nur eine vergleichsweise kleine Gruppe
mit dem Mercedes unter den Hüftprothesen versorgt werden muß.“
Anders in
den Ländern der ehemaligen DDR. Dort kommt nach der Erfahrung von
Professor Dr. R. Venbrocks, Rudolf-Elle-Krankenhaus, Eisenberg;
aufgrund der vor 1989 herrschenden Mangelsituation etwa jeder fünfte
Hüftpatient für die Versorgung mit einer paßgenauen Individualprothese
in Frage. In der ehemaligen DDR mußten die Kranken aufgrund eines
permanenten Mangels an hochwertigen Endoprothesen oft bis zu zehn
Jahre auf eine notwendige Operation warten. Ein in der Sowjetunion
entwickeltes künstliches Hüftgelenk konnte nicht mit den knappe
Devisen verschlingenden Westimporten konkurrieren und wurde nur
in kleinen Stückzahlen implantiert. Kein Wunder daher, daß die Operateure
östlich der Elbe weit häufiger mit völlig deformierten Hüftgelenken
konfrontiert werden, in die sich „Prothesen von der Stange“ kaum
implantieren lassen.
Das IDENTIFIT
System wurde von Professor Dr. J. C. Mulier , Universität Leuven,
entwickelt, dessen Ziel die Optimierung der Totalendoprothese-Operationstechnik
war. Das Verfahren läßt sich mit jedem der heute üblichen Operationsverfahren
und aufgrund eines standardisierten „Eurokonus“ sogar mit
den Hüftkopfprothesen anderer Hersteller kombinieren, so daß sich
die Chirurgen kaum umstellen müssen. Sonderwünsche des jeweiligen
Operateurs wie besondere Kontaktpunkte zwischen dem Prothesenschaft
und bestimmten im Röntgenbild identifizierten Knochenpunkten oder
des Einsatzes einer zusätzlichen variierenden Zementschicht können
von der Software abgefragt und danach von der Fräseinheit automatisch
berücksichtigt werden.
Aufgrund
der hohen Paßgenauigkeit der IDENTIFIT-Maßprothese ist die Belastung
der operierten Hüfte schon am ersten Tag nach der Operation möglich.
Daraus resultieren extrem kurze Krankenhausliegezeiten. Außerdem
hat ein Patient im Alter von 40 oder 50 Jahren - so DePuy-Geschäftsführer
Robert Guilleaume - noch viele produktive Jahre vor sich, in denen
er pro Jahr zwischen 8.000 und 10.000 Mark in die Sozialkassen einzahlt.
Wird er allerdings nach einer preiswerten Regelversorgung mit einer
zementierten Standard-Hüftprothese nicht auf Dauer schmerzfrei,
bzw. arbeitsfähig, so entfallen nicht nur diese Beitragszahlungen,
sondern der Kranke bezieht aus den öffentlichen Kassen zusätzliche
Leistungen - diese belaufen sich nach Schätzungen von Volkswirtschaftlern
pro Jahr im Durchschnitt auf etwa 20.000 Mark. Daher sollte
- gerade bei jüngeren Kranken - die beste Hüftprothese gerade
gut genug sein. Da der Hüftersatz unter Verwendung einer IDENTIFIT
Individualprothese aber bei Gesamtkosten von etwa 8.000 DM deutlich
teurer als die Verwendung einer ze-mentierten Standardprothese ist,
muß die Indikation - trotz des großen volkswirtschaftlichen
Einsparpotentials - sehr sorgfältig gestellt werden. “Die
früher oft aufgestellten Forderungen nach einer Individualprothese
für jeden Patienten sind unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten
natürlich unsinnig“, meinte daher selbst der DePuy-Geschäftsführer
Guilleaume.
Wann sollte
welches Operationsverfahren eingesetzt werden?
Vor mittlerweile
104 Jahren wurde von dem Chirurgen Themistokles Gluck (1853-1942)
in Berlin das erste aus Elfenbein gefertigte Kunstgelenk implantiert.
Da damals noch keine Antibiotika zur Verfügung standen und die Operationsräume
nicht keimfrei waren, mußte das Implantat aufgrund einer Infektion
schnell wieder entfernt werden. Dem Operateur trug dieser Mißerfolg
von Seiten seiner konservativen Kollegen nur Hohn und Spott ein,
die es sich nicht vorstellen konn-ten, daß nur hundert Jahre später
weltweit pro Jahr etwa 300.000 derartige Kunstgelenke implantiert
werden würden.
Schon damals
zeigte sich, daß der Erfolg einer Operation nicht nur von der Art
der verwendeten Prothese abhängt. Wichtig sind vielmehr so unterschiedliche
Faktoren wie der Zustand der Beinmuskulatur, die Qualität
der postoperativen Hautpflege, die strikte Vermeidung von Infektionen
und eine möglichst optimale krankengymnastische-, bzw. physiotherapeutische
Nachsorge. Die Operation selbst ist demnach nur ein Baustein der
gesamten Hüftrehabilitation.
Heute stehen
den Orthopäden sehr unterschiedliche Operationsverfahren zur Verfügung.
Das Spektrum des Angebots reicht von der zementierten Standardprothese
- sozusagen dem VW unter den Hüftprothesen - bis hin zur aufwendig
intraoperativ nach dem IDENTIFIT Verfahren hergestellten Individualprothese
- dem Mercedes unter den Hüftprothesen. Zwischen diesen beiden Extremen
liegen die sogenannten Hybrid-Prothesen, bei denen entweder die
Hüftpfanne oder die Schaftprothese mit dem künstlichen Hüftkopf
zementiert, bzw. zementfrei eingesetzt werden, sowie die zementfreien
Standardprothesen, die in unzähligen anatomischen Varianten angeboten
werden.
Besonders
ältere Leute und solche, die körperlich nicht sehr aktiv sind, kommen
erfahrungsmäß auch mit einer preisgünstigen zementierten Standardprothese
gut zurecht. Allgemein gilt die Regel: Einsatz der zementierten
Prothesen bei hohem Alter, niedriger Lebenserwartung, normalem Hüftgelenksverschleiß
und relativ normalen anatomischen Verhältnissen.Andererseits eignet
sich die Individualprothese eher für vergleichsweise junge und körperlich
aktive Menschen, bei denen das künstliche Hüftgelenk aufgrund der
hohen Lebenserwartung möglichst gut passen und lange funktionieren
muß. Je geringer der altersbedingte Knochenschwund ist und
je mehr die anatomischen Verhältnisse von der Norm abweichen, um
so besser sind die mit einer Individualprothese erreichbaren Operationsergebnisse.
Die anderen Operationsverfahren werden aufgrund persönlicher Vorlieben
der Operateure, bzw. der individuellen anatomischen Verhältnisse
der Patienten ausgewählt.
Von den jährlich
etwa 60.000 TEP-Operationen wären nach Meinung von Dr.Bernd-Dietrich
Katthagen, Universität Homburg/Saar, jene 12.000 Eingriffe überflüssig,
die aufgrund von vermeidbaren Versäumnissen bei den im frühesten
Kindesalter durchgeführten Vorsorgeuntersuchungen notwendig werden.
In der Ärztezeitung Medical Tribune sprach Katthagen kämpferisch
von einem „untragbaren Zustand“. Und in der Tat weiß der Orthopäde
ganz genau wovon er spricht. Von 616 Kindern mit einer angeborenen
kompletten Hüftluxation - in diesen Fällen befindet sich der kleine
kindliche Hüftkopf nicht in der Hüftpfanne - waren in einer Studie
37% bereits älter als ein Jahr. Das Schicksal einer angeborenen
Hüftluxation entscheidet sich aber in den ersten Lebenswochen. Daher
stellen immer mehr Orthopäden die Forderung auf, daß die ersten
gesetzlichen Vorsorgeuntersuchungen nach der Geburt eines Kindes
unbedingt unter Beteiligung von erfahrenen Orthopäden durchgeführt
werden sollten. Neben der gründlichen klinischen Untersuchung sollte
nach Meinung Dr. Katthagens auch immer eine Ultraschalluntersuchung
des Hüftgelenks durchgeführt werden. Nur so kann sichergestellt
werden, daß angeborene Hüftdysplasien zukünftig nicht mehr aufgrund
der unauffälligen Krankheitszeichen übersehen werden.
Nicht das
Röntgenbild soll künftig darüber entscheiden, wer eine künstliche
Hilfe braucht, sondern ein simpler Gehtest. Zu dieser Erkenntnis
kam Professor Dr. Michael Weber, Universität Freiburg, aufgrund
einer wissenschaftlichen Studie, die in der Zeitschrift für Orthopädie
veröffentlicht wurde. Drei verschiedene Tests dienen der objektiven
Prüfung der Notwendigkeit für eine Totalendoprothese-Operation:
• ein Kurzstreckengehversuch,
bei dem der Kranke so schnell wie möglich eine Strecke von 30 Metern
zurücklegen muß
• ein Belastungsversuch, bei dem der Patient aufgefordert wird,
ohne Unterbrechung so lange zu gehen, bis ihn Schmerzen oder Ermüdung
zum Abbruch zwingen
• ein 5-Tage-Test, bei dem gemessen wird, wie lang die Gehstrecke
ist, die ohne Beschwerden zurückgelegt werden kann.
Professor
Weber: „Hauptindikation für die Implantation eines künstlichen Hüftgelenks
sollte in Zukunft die Gehfähigkeit des Patienten sein und nicht
das Röntgenbild.“
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